Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Vision

Visionen im Sinne eines Zukunftsentwurfes sind bildliche Vorstellungen von Dingen und Strukturen die noch nicht existieren. In der Organisationsentwicklung ist die unternehmerische Vision ein maßgeblicher Teil der langfristigen Entwicklung und strategischen Ausrichtung (Strategie) einer Organisation. Für Visionen braucht man vor allem eins: auf Wissen und Erfahrung basierende Einbildungskraft. Eine Fähigkeit die auch im Aufbau und der Weiterentwicklung einer Offenen Werkstatt unerlässlich ist. Das liegt unter anderem daran, dass Visionen wesentliche Funktionen beinhalten die über Erfolg oder Misserfolg des Vorhabens entscheiden können: Beispielsweise sorgt sie in einer Gruppe für die 'Identifikation' mit einem gemeinsamen Ziel und liefert die nötige 'Inspiration', sowie 'Motivation' dieses mit vereinten Kräften umzusetzen. Zudem enthält die Vision einen Wertehintergrund der 'Orientierung' und 'Legitimation' für das eigenständige Handeln im großen Ganzen bietet. Wird die Vision in einem gemeinsamen Prozess explizit ausgearbeitet und in einem Dokument veröffentlicht, kann sie auch als Grundsatzpapier, Leitbild oder Mission Statement fungieren, bzw. ein Teil davon sein.

Die gemeinsame Vision als Gleichrichter

Die Erarbeitung einer gemeinsamen Vision ist ein geeignetes Mittel, die verschiedenen Vorstellungen aller Beteiligten über Sinn und Zweck der Offenen Werkstatt, miteinander auszuhandeln und in einer vereinten Zukunftsvorstellung (Intention) zusammenzuführen. Trotz des großen Potentials werden in Praxis Offener Werkstätten, individuelle und gemeinsame Visionen vergleichsweise selten methodisch diskutiert oder gar schriftlich festgehalten. Was so lange unproblematisch ist, wie sich alle Beteiligten wortlos verstehen und innerlich die selben Absichten verfolgen. Je größer und heterogener die Gruppierungen jedoch werden, desto mehr steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass fundamental voneinander abweichende Visionen existieren und damit auch verschiedene Ansichten darüber, wie sich die Werkstatt entwickeln soll und welche Maßnahmen dafür notwendig werden. Fehlt in diesen Momenten eine gemeinsam geteilte Vision auf die sich bewusst geeinigt wurde, können derartige Diskussionen leicht den eigentlichen Konflikt überdecken und ergebnislos bleiben. Insofern sich auf keine neue, gemeinsame Vision geeinigt werden kann (ob bewusst oder unbewusst), können die Konsequenzen einer derartigen Auseinandersetzung zum Austritt einzelner Personen, zur Spaltung der Gruppe, oder bis hin zur Auflösung des gesamten Projektes führen. Demgegenüber kann der Dialog während des Prozesses einer gemeinsamen Visionsfindung dazu führen, vermeintlich inkompatible Gegensätze in ganz neue Denkweisen und Visionen aufzulösen.

Situationen besonderer Relevanz gemeinsamer Visionen

  • in der Gründungsphase und für junge Initiativen,
    insbesondere dann wenn sich die Beteiligten erst seit kurzem kennen
  • bei Veränderungen des aktiven Personenkreises
  • bei unzureichende Wahrnehmung der Offenen Werkstatt im Außenraum
    (z.B. in der Nachbarschaft, oder bei potentiellen Mitmacher/innen)
  • beim Wunsch nach verstärkter Entfaltung und Realisierung der eigenen Potentiale
    (z.B. für selbstbestimmtes praktisches Arbeiten oder für gesellschaftliche Transformation)
  • in bestimmten Fällen, bei denen sich in einer Strategie- oder Entwicklungsfrage nicht geeinigt werden kann

Zentrale Fragen in der Erarbeitung einer gemeinsamen Vision

  • wer sind wir und wo kommen wir her?
    (Ich, unsere Offene Werkstatt und erweiterte Umgebung)
  • was sind meine persönlichen Visionen und wo liegen meine Grenzen?
  • was wollen wir gemeinsam erreichen?
  • welche Rahmenbedingungen wirken positiv und welche negativ auf unser Handeln?
  • welche Ziele ergeben sich aus unserer gemeinsamen Vision
    und mit welchen Maßnahmen können wir diese erreichen?
  • Welche Hindernisse müssen wir womöglich überwinden?
  • wie können wir unsere Vision nach außen tragen?

In drei Phasen zur gemeinsamen Vision

  1. Barrieren aufbrechen,
    beinhaltet den Blick auf uns selbst und unsere Vergangenheit
  2. Vision entwerfen,
    beinhaltet gemeinsame Werte, Einzel- und Gruppenvisionen
  3. Wege überlegen,
    beinhaltet eine Ist-Analyse und Rahmenbedingungen

Anwendung- und Entwicklungsoptionen der ersten gemeinsamen Vision

  • Weitere Abstimmung und mediale Überarbeitung (u.a. auch Bebilderung) zur feierlichen Verabschiedung und Veröffentlichung
  • Überarbeitung der Selbstdarstellung (Broschüre, Homepage, Präsentation bei der Stadt, ...)
  • Weiterverarbeitung zum Grundsatzpapier, Leitbild, Mission Statement oder ähnliches
  • Ausgangspunkt für Wirkungsanalysen und -berichterstattungen
  • Operative Umsetzung der Vision in Form von konkreten Zielen und Maßnahmen (Strategieentwicklung)
  • Ausarbeitung zu anschaulichen Zukunftsbildern zur Diskussion durch Externe

Wichtige Hinweise zur Realisierung der gemeinsamen Vision

  • Der Visionszweck, Verwertung und Verbreitung der Vision sollten vor und während der Ausformulierung der Rohvision zur finalen Vision reflektiert werden.

  • Visionsentwicklung und die Suche nach Wegen zur Realisierung sind strikt voneinander zu trennen, um Denk- und Fühlschranken zu vermeiden.

  • Die Suche nach Wegen zur Realisierung der Vision kann unerwünschte Themen aufbringen, die mit dem Visionskern in Konflikt stehen. Die Gruppe sollte die Wege im Hinblick auf die Integrität der Vision bewerten („kein Problem“, „wenn es denn sein muss“, „inakzeptabel“ ).

  • Wir raten von einem „schlampigen Shortcut“ zur Vision ab, z.B. durch Übernahme von Passagen aus anderen Visionen und Zukunftsbildern, weil es dann nicht mehr eure Vision und euer Aushandlungsprozess ist und weil rhetorische Fähigkeiten dann über Fairness dominieren. Im Nachgang kann man durchaus noch einmal auf andere Visionen schauen, um sich zu verorten - ohne allerdings am Kern der eigenen Vision zu rütteln.

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